Göttliches Blut (1/6)

„Miss Pandemos, hören Sie mir zu?“ Die ungeduldige Stimme von Gladis riss mich aus der Betrachtung einer potthässlichen Plastikpflanze, die im Wind des eingeschalteten Ventilators flatterte.
„Entschuldigen Sie, was?“ Schuldbewusst sah ich die Furie an. Seufzend rückte diese ihre Brille abermals zurecht. Eine gespaltene Zunge zuckte aus ihrem Mund hervor, während die Lautsprecheranlage wiederholt lautstark um Verstärkung auf Ebene 8 bat.
„Ich sagte: Name und Adresse der Eltern!“
Ich stöhnte genervt. „Ach, kommen Sie, Gladis. Seit Jahren gehen Sie mir mit diesem Mist auf die Nerven! Sie arbeiten seit – wie lange? – fünfhundert Jahren für meinen Vater? Sie wissen ganz genau, wer meine Eltern sind. Lassen Sie den dummen Bürokram und geben Sie mir einfach den Besucherausweis. Ich bin ziemlich spät dran!“
„Name und Adresse der Eltern!“, knurrte Gladis. Ihre Augen wurden dunkel. Dabei quollen sie ein Stück aus den eingesunkenen Augenhöhlen hervor.
Igitt. Die umstehenden Menschen traten vorsichtig einen Schritt zurück. Die hässliche Topfpflanze fiel bei dem Anblick prompt um und stellte sich tot. Seufzend griff ich unter die dunkle Kapuze, die mein Gesicht verdeckte, und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Regel Nummer 1 in der Vorhölle: Mache niemals eine Furie wütend. Leider schien ich ein ausgesprochenes Talent dafür zu haben.
„Achtung! Achtung, Sicherheitsteam auf Ebene 8 erforderlich! Ausgebrochene Seelen bewerfen das Personal mit Fäkalien!“, dröhnte es dumpf aus dem Lautsprecher. Angestrengt unterdrückte ich den Impuls, meinen Kopf gegen etwas Hartes zu schlagen.
„Schön“, stieß ich schicksalsergeben hervor.
„Vater: Hades Pluton, Herrscher der Unterwelt. Anschrift: 666 Hellgate am Styx, Abaddon. Mutter: Aphrodite Venus, Göttin der Liebe. Anschrift: 45 Sunshine Street EC1A, London.“ Bei der Erwähnung meiner Eltern verzog ich leicht gequält das Gesicht. Es brachte selten etwas Gutes mit sich, die Tochter zweier größenwahnsinniger Götter zu sein. Gladis tippte geschäftig meine Angaben in ihren uralten Computer, der zum Öffnen einer Datei nervtötende zehn Minuten brauchte. Mit diesem Ding konnte man locker jemanden erschlagen. Ich meine, sofern man es überhaupt schaffte, ihn hochzuhieven.
„Sehr schön! Willkommen im Limbus, auch Vorhölle genannt, Miss Pandemos. Was für einen Antrag möchten Sie denn gerne stellen?“ Zornig funkelte ich sie an. Hinter mir hüstelte einer der Anzugtypen. Idiot!
„Ich wünsche einen Besucherausweis für den Olymp, zum allmonatlichen Gesundheitscheck“, diktierte ich ihr laut und deutlich. Ein prüfender Blick auf die Wanduhr über Gladisʼ Schreibtisch ließ mich ungeduldig das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagern. Der Minutenzeiger war abgebrochen und der schmalere für die Sekunden lief rückwärts, sodass ich nur vage am Stundenzeiger abschätzten konnte, dass es halb drei am Nachmittag sein musste. Mein Termin war um zwei gewesen. Verdammt! Mutter würde mir den Hals umdrehen. Gladis tippte geschäftig auf ihren Computer ein. „Sie wollen also in den Olymp? Haben Sie die Befugnis dazu, Miss Pandemos?“

„Natürlich habe ich die Befugnis! Sie ist … Ohhh, verdammt!“ Erschrocken hielt ich inne. Augenblicklich wurde mir heiß und kalt gleichzeitig. Ich hatte den dummen Zettel zu Hause liegen lassen! Nervös klopfte ich meine Hosentaschen ab. Nichts außer ein paar Centmünzen, einem Kaugummi und … igitt, einem alten Taschentuch. Ich wusste, ich hatte etwas vergessen. Aber wie gesagt, ich war einfach zu spät dran gewesen. Die Furie zog eine Augenbraue in die Höhe. Ihr Tippen auf den Computertasten wurde eine Spur langsamer. Ich knirschte mit den Zähnen.
„Kann ich die Bescheinigung denn sehen?“, fragte Gladis süßlich, was meinen ohnehin schon strapazierten Nerven den Rest gab. Knurrend knallte ich meine schwarz behandschuhte Faust gegen die gläserne Trennscheibe zwischen uns. „Verdammt noch mal, nein! Ich habe den Passierschein vergessen, aber Sie wissen genau, dass ich die Berechtigung für den Olymp habe, Gladis! Geben Sie mir einfach den verdammten Wisch!“
Gladis zog ungerührt eine faltige Augenbraue nach oben. Die Haut auf der gesamten linken Gesichtshälfte rutschte dabei nach unten. „Mäßigen Sie Ihren Ton, Miss Pandemos. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen.“

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