Göttliches Blut (1/6)

„Ich bin der Freak …“

 

„Name?“
„Äh …“
„Name!“, bellte die Furie am Empfangsschalter. Dabei schraubte sich ihre Stimme in eine Tonhöhe, die das Wasserglas am Schreibtisch klirren ließ. Mühselig unterdrückte ich ein Augenrollen. Alles klar, erst mal tief durchatmen.
„Warrior Pandemos! Sie kennen mich seit meiner Geburt, Gladis, Sie wissen ganz genau, wer ich bin!“ Zweifelnd kniff die Furie ihre Schweinsäuglein zusammen und rückte betont langsam ihre spitze Brille zurecht.
„So? Ich sehe dich so schlecht, Kind. Komm ein wenig näher!“
Ich beugte mich vor. „Näher!“ Mein Bauch stieß bereits am speckigen Linoleumtisch an. „Näher!“ Jetzt lehnte ich mich noch weiter vor. „Näher!“ Okay, nun konnte ich Gladisʼ Nasenhaare zählen.
„Nahe genug?“
„Was?“
„Nahe genug?“

„Bei den Göttern! Was schreist du denn so?“
„Ich … egal. Soll ich noch näher kommen?“
„Was? Nein! Wozu? Mit dieser Kapuze kann ich dein Gesicht ohnehin nicht sehen. Ist das so eine eigenartige Modeerscheinung bei den Menschen? Zeig ein wenig Anstand und nimm dieses Ding runter!“ Gladis blinzelte mich an, als würde sich eine Bombe unter meiner langen Kapuze verstecken.
Grrr. Ich knirschte mit den Zähnen und richtete mich wieder auf. „Die Kapuze bleibt“, teilte ich ihr liebenswürdig mit. „Checken Sie doch noch einmal meine Personaldaten. Warrior Pandemos. Sie kennen mich. Ich bin die Tochter Ihres Chefs.“
„Mhm“, brummte die Furie zweifelnd, tippte jedoch die Daten in ihren Computer ein.
Ich seufzte und schloss kurz die Augen.
Seit ich denken konnte, arbeitete Gladis für meinen Vater in der Vermittlungsstelle der Unterwelt. Dabei schien die Gute keinen einzigen Tag ihren Posten verlassen zu haben. Egal, ob bei Tag oder Nacht. Wie eine faltige, hässliche Spinne hockte sie hinter ihrem Schreibtisch und machte armen Gottkindern wie mir das Leben schwer. Dabei trug sie unablässig diesen grauenhaften rosaroten Pullover mit den Katzenbabyprints. Ihre Nase war spitz zulaufend – ähnlich dem Schnabel eines Vogels – und von dunklen Warzen übersät. Die blassen Lippen presste sie ständig zu einem schmalen Strich zusammen. Die Gute sah einfach immer genervt aus.

Inzwischen hatte sich hinter mir eine lange Warteschlange gebildet. Die Leute traten ungeduldig auf der Stelle. Wie üblich warteten dämonische Geschäftsmänner in dunklen Anzügen auf ihre Erlaubnis, die Unterwelt betreten zu dürfen. Die meisten stammten von einem der Außenposten der Unterwelt oder reisten als Anwälte im Auftrag des Olymps. Die Götter verklagten sich nämlich mit Vorliebe gegenseitig, wegen … nun, wegen so ziemlich allem. Hinter den Anzugtypen wartete ein erschöpft aussehendes Pärchen auf zwei ausgeblichenen Plastikstühlen. Das Licht der Neonlampen über unseren Köpfen blinkte dabei die ganze Zeit, begleitet von einem nervigen elektronischen Summen. Eine blecherne Lautsprecherstimme plärrte indessen über Gladisʼ Kopf unablässig Anweisungen: „Achtung! Ebene 8, bitte ein Putzteam zu den Sanitäreinrichtungen 1 bis 7. Zu viele verdammte Seelen sprengen die Rohre. Ich wiederhole, ein Putzteam nach Ebene 8.“

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