Göttliches Blut (6/6)

„Meinst du, das weiß ich nicht?“, fragte ich finster und stieß eine im Mauerwerk verborgene Tür auf. Wir befanden uns in dem kleinsten der sechs Kellergewölbe, innerhalb von Ebene 243 der Hölle. Der Raum, den wir daraufhin betraten, war schmal und hatte früher als Folterkammer gedient. Rostige Handschellen baumelten noch von der Decke. Alte, abgenutzte Tische, auf denen dunkle Flecken zu sehen waren, beherrschten die karge Kammer, wobei in der rechten Ecke eine eiserne Jungfrau Staub ansetzte. „Ich will wirklich keinen Stress mit meiner Mutter, aber es scheint sich nicht vermeiden zu lassen. Sag mal, ist hier auch kein Strom?“ Entmutigt ging ich zur hinteren Wand der Folterkammer, wo eine mit Laken abgedeckte rote Ledercouch stand. Über der eisernen Jungfrau hing ein schwarzer Plasmafernseher mitsamt Lautsprecherboxen, die den gesamten Raum zum Beben bringen konnten. Als Abstelltisch diente eine der alten Folterbänke. Der Raum wurde schon seit Jahrhunderten nicht mehr in seiner ursprünglichen Form genutzt und da er – den Göttern sei Dank! – schalldicht war, mussten wir uns auch nicht das Geschrei der im Nebenraum tatsächlich Gefolterten anhören. Ich hatte den Großteil meiner Kindheit zusammen mit Sokrates, als meinen Babysitter, und meinen Brüdern in diesem Raum verbracht. Am Anfang hatten hier noch Bauklötze, Spielautos und kopflose Barbies herumgelegen. Später wurde das alles durch Elektronikzeug, Plakate von One Direction und Playboy-Bunnies abgelöst – wobei Letzteres von meinen Bruder Madox magisch an die Wand getackert worden war, sodass Miss Mai 2006 immer noch dort hing. Als wir älter wurden, sollte Sokrates uns viel mehr Respekt vor den Göttern lehren, aber da der Minotaurus keinen Nerv und keine Lust dazu hatte – und weil auch ich wirklich Besseres zu tun hatte –, guckten wir meist Filme oder mampften Pizza, bis mich Vater wieder aus dem Kerker entließ. Eine Zeit lang hatte ich versucht, wütend auf ihn und meine Mutter zu sein, wann immer sie mich wieder in die Folterkammern abgeschoben hatten. Bis ich letztlich begriff, dass es sinnlos war, sauer zu sein. Es ging ihnen schlicht und einfach am göttlichen Arsch vorbei. Man konnte von einem Gott, der beinahe viertausend Jahre alt war, kein normales, menschliches Verhalten mehr erwarten. Macht und Alter ließen sie kauzig werden.
„Wie geht es deiner Mutter?“, fragte Sokrates wie aufs Stichwort. Ich brummte nichtssagend. Er zog eine buschige Augenbraue hoch. „So schlecht?“
„Schlimmer.“
„Irre ich mich oder kommt ihr immer schlechter miteinander aus?“
Ich zuckte verhalten mit den Schultern. „Was soll ich sagen. Ich bin nun einmal die große Enttäuschung in ihrem perfekten Leben. Die Tochter, die nicht das Erbe ihrer Mutter mit dem sexy Hüftschwung, den perfekten Lidstrichen und der gnadenlosen Männerjagd geerbt hat. Wenn sie nicht aufpasst, wächst ihr von dem ganzen Naserümpfen noch ein Rüssel.“

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